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Sowjetischer Propellerschlitten
"Aerosani"

Im zweiten Weltkrieg waren in verschiedenen Streitkräften zum Teil propellergetriebene Motorschlitten im Einsatz. Ursprünglich wohl von sowjetischer Seite eingeführt, tauchten sie bald als Beutefahrzeuge und Nachbauten auch in anderen Streitkräften auf. Was für faszinierende Fahrzeuge das sind, wurde mir erst bewust, als ich auf der Modellbau-Messe im Herbst 2018 in Rostock auf einen Modellbauer traf, der das folgende Modell ausstellte:

Ich war ziemlich beeindruckt und hatte ein interessantes Gespräch mit dem Erbauer. Er gab mir u.a. den Hinweis auf bemaßte Zeichnungen der Originalfahrzeuge irgendwo im Internet.


Quelle: https://en.valka.cz/topic/view/63268#225902

Eigene Recherche brachte dann auch eine Menge Informationen, wie z.B. dieses Bild hier oben und auf dieser Seite wurde ich sogar mit konkreten Maßen belohnt. Es handelt sich um den Typ OSGA-6.

Für das Modell habe ich einen, zufällig vorhandenen 150 mm Propeller vorgesehen. Im Original hat er das Maß 2400 mm. Daraus ergibt sich ein Maßstab von 1:16.

Dies ist eine, von mir mit den "Modellmaßen" modifizierte Zeichnung aus dem Link oben.
Es gab damals eine vielzahl verschiedener Typen und sogar innerhalb eines Grundtyps gab es verschiedene Kabinenformen. Ich hab mich im Seitenriss etwa an das Bild oben gehalten, nur die Anzahl der Fenster ist verringert. In der Draufsicht habe ich die Bugpartie etwas verändert. Meine Kabine ist nicht so spitz wie das gezeichnete OSGA-6.

Hier ist die Kabinenform Meines Modells. Ich verwende für die Konstruktion die kostenlose CAD-Software "Creo Elements/Direct Modeling Express" von PTC.

Nach dem Entwurf der Grundform wurde diese mit 3 mm Stärke ausgehöhlt. Danach kamen die Durchbrüche für Fenster und Tür mitsamt deren Sicken rein. Danach wurde die Kabine in Front- und Heckteil getrennt.
Eigentlich wollte ich an den Trennstellen gleich eine Sicke zum besseren Zentrieren bei der Montage einfügen. Das habe ich aber dann doch unterlassen, weil es die Haftung der Fläche auf dem Druckbett beeinträchtigt hätte.

Das Frontteil wird hier gerade gedruckt. Der Druck dauert ca. 8 Stunden. Ich hatte einige Bedenken, daß das Teil sich beim Druck vom Bett löst, daher hab ich zusätzlich zum Brim auch noch das Blue-Tape auf dem beheizten Bett benutzt.

Wegen der ansonsten langen Druckzeit habe ich mit 0,2 mm Stärke gedruckt. Das rächt sich mit deutlich sichtbaren Layer-Linien. Da werde ich leider Schleifen und Spachteln müssen (ich hasse das).

Auch am Heckteil sind die Layer-Linien deutlich sichtbar.

Die fertig gedruckte aber noch komplatt unbearbeitete Kabine.


Quelle: Stahlkocher - Eigenes Werk, GFDL,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=512135

Der Motor im OSGA-6 war zumeist ein sowjetischer 5-Zylinder Sternmotor vom Typ "Schwezow M-11". Das Bild oben von Wilipedia zeigt eine etwas modernere Variante.

Einen normalen Modellbau-Brushless als 5-Zylinder Sternmotor zu verkaufen erfordert einige "Tarnung":

Das hier oben wird das neue Motorgehäuse mit den Zapfen für die fünf "Zylinder". Links ist der Durchbruch für die Kabel angeordenet, der eigentlich nach unten zeigt.

Die Zylinder haben jeweils ein kurzes Auspuffrohr, das eigentlich in einer Krümmung nach oben zeigt. Wegen einfacherem Druck ist es hier noch gerade. Der schmale Zylinder auf der linken Seite verbirgt im Original die Ventilstössel. Unten sitzt das Loch, das Stramm auf den Zapfen am Gehäuse passt.

Langsam hat es etwas Ähnlichkeit mit dem Original, finde ich.

Das Teil hier oben wird eine Art Haltekäfig für den Strömungsleiter, der in Fahrtrichtung vor dem Motor sitzt.

Wie man das Ding richtig nennt, weiß ich nicht. Es wirkt jedenfalls wie ein Strömungsleiter und verringert den Luftwiderstand des Motors.

Hier entsteht die Motorhalterung. Das Material ist Konservenblech (dänische Butterkekse) und Draht-Kleiderbügel. Beide Materialien lassen sich sehr gut löten.

Alle Komponenten des Antriebs sind zur Inspektion angetreten.

Ein erster probeweiser Zusammenbau. Man beachte, daß der Propeller in Normallage montiert ist. Das ist für diese Anwendung falsch! Er würde den Motor ziehen, statt schieben.

Die Halterung hat noch zwei angelötete Schrägstützen bekommen und ist mit Epox an vier Stellen in das Heckteil eingeklebt.

Die ursprünglich geraden Auspuffstutzen sind jetzt wie beim Vorbild gebogen. Das geht sehr einfach, weil die Glas-Transsition Temperatur von PLA recht niedrig ist. Mit einem normalen Haarfön oder über der Tülle eines Teekessels erwärmt, lässt sich so ein Teil einfach biegen.

Das ist nun die fertige Antriebseinheit. Später kommt noch der Berührungsschutz (Drahtbügel) draussen dran.

Zwei Bilder, die die lösbare Verbindung zwischen Front- und Heckteil zeigen. Im Frontteil sind die Senkschrauben verspachtelt und über lackiert.

Die Achse für den Frontski steht genau senkrecht. Zur Aufnahme wird ein Klotz in den Bug geklebt der das äussere Rohr (Messing, 5 x 0,5) stramm aufnimmt. In diesem unbeweglichen Rohr steckt drehbar die eigentliche Achse (Messing, 4 x 0,5). In der Aussparung des Klotzes ist diese drehbare Achse durch einen durchgehenden Splint gegen Rausfallen nach unten gesichert.

Hier der Klotz für die Lenkung vor dem Einkleben mit Epox.

Das 5 mm Führungsrohr ist in den Klotz gepresst und der Servo schon mal zur Anprobe eingebaut.

Um den Servo in der Höhe richtig anzupassen, war ein solcher Distanzrahmen nötig.

Servo mitsamt Distanzrahmen sind montiert. Im Hintergrund sieht man das obere Ende des 5 mm Führungsrohrs der Lenkung. Dort ragt später die 4 mm Achse raus und wird versplinted.

Zeit für den Druck der Skier. Der Frontski hat von den Heckskiern abweichende Maße. Das hab ich mir einfach gemacht, indem ich einfach in meinem Slicer (Cura) die Dimensions geändert habe. So bin ich mit nur einem Design ausgekommen. Wegen der Überhänge musste ich hier mit "Supports" drucken.

Das sind zwei Ansichten des künftigen Aufnahmegelenks für den Frontski. Der Steg auf dem Ski ist genau wie das kurze Messingrohr 3 mm dick.

Damit passt das Teil stramm auf den Ski und wird dort von einer 3 mm Schraube gehalten. Damit ist der Ski in Grenzen klappbar. Der kurze Rohrstummel passt genau in die 4 mm Achse und wird dort mit Epox verklebt.

Dieses Teil simuliert so etwas wie das Seilrad, das im Original für die Lenkung sorgt.

Auf die Achse wird ein Oval aus Keksdosen-Blech gelötet, wo später die Steuerdrähte vom Servo eingreifen. Darauf kommt mit Epox das Druckteil.

So sieht die Front dann später aus. Hier fehlt noch der Bolzen durch den Ski und die Drähte zum Servo.

Wie im Original, wird das Lenkrohr an der Kabine zusätzlich abrestützt. Vorn am Rohr wird gelötet, innen in der Kabine mit Epox geklebt.

Ein erster Test für die Lenkung.

Das Anpassen der hinteren Ski war eine ziemliche Fummelei.

Irgendwie im Eifer der Bastelei ging leider die Absicht, den Ski ebenfalls klappbar zu befestigen verloren. Wie das passieren konnte, kann ich nicht sagen. Jedenfalls waren abends, als ich damit fertig war, beide Ski starr montiert.
Nun muß ich erst mal damit leben. Vielleicht ändere ich das später mal. Auf jeden Fall sollten sie eigentlich beweglich sein!

Neben den Hauptstützen aus 4 mm Messingrohr bekommt jeder Ski noch zwei weitere aus 1,2 mm Stahldraht. Die längeren, nach vorn an den Kabinenboden gerichtet, sind hier schon zu sehen.

Beide Kabinenteile sind jetzt mechanisch fertig und bekommen nun aus der Spraydose eine letzte Grundierung mit Primer. Das gab es davor schon einmal, zusammen mit dem Spachteln und Schleifen.

Die letzte Farbgebung in mattem Weiß kommt ebenfalls aus der Spraydose. Ich bin wirklich ein Dummy, wenn es um Farbarbeiten geht. Für mich ist das wirklich die ungeliebteste Arbeit beim Heimwerken und Basteln! (meist sieht man das auch)

Nun fängt der Spaß an: Zusammenbau! Leider hat der ESC keinen eingebauten BEC. Also muß ein extra DC-DC Wandler eingebaut werden, der aus den 7,4 V des LiPo 5 V für die Steuerung macht. Das ist einfach: ein 7805 und zwei Kondensatoren reichen. Zusätzlich soll der Schlitten noch einen Scheinwerfer und auch Innenbeleuchtung bekommen. Dazu braucht es zwei RC-Schalter, die ich aus speziell programmierten ATtiny13 von ATMEL selbst mache. Das alles kommt auf eine einfache Lochrasterplatte.

Der Akku (7,4 V 2500 mA) ist mit zwei kleinen Stücken Spiegeltape auf der Bodenplatte fixiert und wird duch einen zusätzlichen Ring Bluetape gehalten. Davor liegt die fertige Elektronik.

Hier oben zeige ich zur Vollständigkeit die Schaltung der RC-Empfangsanlage.

Die Einzelheiten der Schaltung auf der Elektronikplatte:
Oben rechts der Empfänger, darunter der ESC, rechts davon eine dreipolige Klemmleiste für den Brushless, links vom ESC der 7805, links oben zwei ATtiny13 übereinander für je eine Lichtfunktion, links von den Tiny13 die beiden Schutzwiderstände für die LEDs (je 150 Ohm), ganz links Mitte drei parallele LEDs 3 mm superhell (Kabinenbeleuchtung), darüber der Anschluß für den Scheinwerfer (eine 5 mm LED super-super hell.

Dieses Video zeigt einen ersten kurzen Fahrtest. Ich wollte unbedingt die wenigen Schneeflocken nutzen, die über Nacht gefallen waren. Die erste sehr kurze Sequenz zeigt, daß der Schnee nicht zu hoch liegen darf, sonst bleibt der Schlitten stecken. Auf flachem Schnee fährt er aber super und läßt sich auch gut steuern.

Die Tür soll sich öffnen lassen, um Zugang zu den Ladekabeln zu bekommen und auch Ein-Aus schalten zu können. Dazu brauchte es Scharniere. Kurze Messinghülsen mit 1 mm Innendurchmesser wurden auf kleine Blechstücke gelötet. Zwei 1 mm Blechziehschrauben halten die Scharniere auf der Tür. Zwei 1 mm Drahtstücke werden durch die Hülsen gesteckt und abgewinkelt. Sie stecken dann in passenden Bohrungen im Gehäuse und werden innen einfach abgewinkelt.

Ein dicker, abgewinkelter Kupferdraht wurde durch eine M2 Mutter gesteckt und mit ihr verlötet. Die Mutter wurde dann rundgefeilt. Die Tür bekam eine entsprechende Bohrung, hinter die eine weitere Mutter mit Epox fixiert wurde. Das gibt genug Führung für den Riegel. Nach dem Durchstecken des Griffs wurde der Kupferdraht entsprechend gebogen und fertig waren Türgriff und Riegel.

Außen an der Kabine mancher "echter" Aerosani waren z.T. Bergungswerkzeuge befestigt. Bekannt sind Bilder mit Spaten, Kerbsäge, Schaufel oder auch Axt und Spitzhacke.
Hier entsteht ein solcher Satz aus Keksdosenblech, Zahnstocher und Schaschlikspieß. Die Patina auf dem ansonsten sehr blanken Blech entsteht durch eine Nacht in Essig-Essenz. Die Säge bekommt natürlich noch Zähne und der Schaufelstiel noch seine typische Biegung.

Hier passe ich jetzt erst mal den Propellerschutz an. Dazu ist auf die Achse eine Pappscheibe mit dem Durchmesser des Propellers befestigt. Das macht das Ganze etwas leichter. Der Stabile Draht stammt wieder von einem Kleiderbügel.

Das ist nun das Endergebnis. Was jetzt noch fehlt, ist ein bisschen Schnee, damit ich abschließend noch ein richtiges Fahrvideo zeigen kann.

 

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